Schreibschrift in der Grundschule

Das individuelle Erarbeiten einer gut lesbaren, persönlichen Schreibschrift in der Grundschule

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Hallo an alle von der schulinsel!

Von vielen Kolleginnen und Kollegen – vor allem Junglehrerinnen und -lehrern – höre ich immer wieder Zweifel, wie am besten die Schreibschrift in der Grundschule erarbeitet werden sollte. Welche Richtlinien gibt es? Wie sollen die Kinder nun das kleine r schreiben? Welches Schreibwerkzeug müssen sie verwenden? Gibt es ein spezielles Heft für die Schreibschrift? Welches Buch wird empfohlen?

Die Lehrwerke sind sich auch nicht einig und bieten meistens einen Schreiblehrgang an,  die Zugänge sind aber verschieden.

Das eine Buch geht nach dem Alphabet und gibt gleichzeitig Übungen für Groß- und Kleinbuchstaben (z.B.: A a, B b,usw.) an.
Ein anderes Lehrwerk  verfolgt eine ganz bestimmte Reihenfolge (M m, A a, L l, E e, usw.), sodass schnell einfache, aber ganze Wörter geschrieben werden können -> Mama, male, am, etc.
Manche wollen, dass ähnliche Buchstaben gleichzeitig erarbeitet werden (V und W, kleines h und kleines k, R und P, usw.). Alle Zugänge sind nachvollziehbar und berechtigt. Doch viele fragen sich dennoch, was nun der richtige Zugang sei. Alle! Die Lehrperson muss sich nur im Klaren sein, was sie ihren Schülerinnen und Schülern weitergeben will.

Das Wichtigste ist es, für sich selbst ein Konzept im Kopf zu haben und eine Struktur, nach der vorgegangen wird. Denn mit ein wenig Geduld wird am Ende jedes Kind die Schreibschrift können, oder nicht?

Für mich ist eine Schrift Teil einer Kultur, es ist Kunst, es ist Geschichte.
Obwohl es laut österreichischem Lehrplan keine festgelegten Regeln gibt, wünsche ich mir, dass Kinder weiterhin die Möglichkeit haben, eine gut lesbare Handschrift zu erlernen. Schreiben trainiert das Gehirn, Schrift spiegelt die Persönlichkeit wieder, die Identität eines Menschen, denn etwas Handgeschriebenes hat viel mehr Bedeutung und größeren Wert als etwas Digitales. Genau deshalb, weil es immer seltener (gebraucht) wird, ist es umso wichtiger, dass Lehrerinnen und Lehrer dieses Wissen weitergeben und darauf bestehen, dass jedes Kind eine flüssige, lesbare Schrift erwirbt. Dass sich die Schrift mit der Zeit verändert, optimiert und sich daraus eine individuelle Schrift entwickelt, das ist klar. Doch das geht nur, wenn das Grundgerüst steht und sich die Kinder eine vorgegebene Schreibschrift in der Grundschule angeeignet haben.

Laut Lehrplan haben die Lehrerinnen und Lehrer freie Wahl: Es kann beim Schreiblehrgang die „Österreichische Schulschrift 1995“ oder die „Österreichische Schulschrift 1969“ als Ausgangsschrift verwendet werden. (Quelle: bildung.bmbwf.gv.at)
Das Ziel ist es, dass sich Schülerinnen und Schüler eine gut lesbare und flüssige Handschrift aneignen. Es bestehen aber Freiräume bei der Wahl der Buchstaben- und Ziffernformen, der Schriftgröße, der Lineatur und der Schriftneigung.

Nun möchte ich euch einen kleinen Einblick geben, wie wir an der Schreibschrift arbeiten. Vielleicht inspiriert es den/die eine/n oder andere/n zu neuen Ideen oder ihr erkennt, wie ihr es nicht machen wollt 🙂 auch eine wunderbare Erkenntnis. Wie schon erwähnt, es muss für euch passen und ihr müsst konsequent dahinter sein. Dann klappt das auch bei den Kindern.

Für mich war es beispielsweise heute wieder beruhigend zu sehen, wie schön und präzise die meisten Kinder die bereits erlernten Buchstaben schreiben, aber vor allem, wie gerne sie diese „besondere“ Schrift (so verkaufe ich es!) nutzen und sich Mühe geben. Selbstverständlich habe ich auch einige Kinder in der Klasse sitzen, die sich plagen und die eine grapho-motorische Schwäche haben. Für diese Schülerinnen und Schüler ist die Schreibschrift eine enorme Herausforderung. Auch diese Kinder werden eine Handschrift erlernen, die lesbar ist, wenn die Lehrperson dahinter ist.

Hier nun einige detaillierte Informationen zur Erarbeitung der Schreibschrift in meiner Klassen:

Als ersten Schritt vergleichen wir den Druckbuchstaben mit dem Buchstaben in Schreibschrift. Was ist anders? Was können wir übernehmen?

Auch der Lehrplan sieht vor, dass dieses beiden Schriften verglichen werden.

Vergleichen von Druckschrift und Schreibschrift

Für das Erlernen der Schreibschrift verwenden wir einen Schreiblehrgang nach der Schulschrift 1995. Einige Kinder schreiben von selbst – bzw. von Eltern übernommen – auch die Schulschrift 1969 – auch ok für mich. Ich lege nur Wert darauf, dass die Kinder einen Buchstaben einheitlich schreiben – wer mal so, mal so schreibt, muss sich entscheiden. Die Schreibrichtung ist mir wichtig, sodass der Schreibfluss nicht behindert wird. Gute Lesbarkeit ist ebenfalls Voraussetzung – da lasse ich Kinder immer wieder die eigenen Silben und Wörter lesen. Sie kommen dann meistens selbst drauf, wie sie es besser machen können.

Arbeiten im Schreiblehrgang
Arbeiten im Schreiblehrgang

Zusätzlich zum Buch verwenden wir für die Schreibschrift das Formati W.8 Heft. Die Schreibzeilen sind wie in unserem Schreibheft, sodass die Kinder damit vertraut sind. Das zusätzliche Kästchen bietet die Möglichkeit den Buchstaben/die Buchstaben hineinzukleben oder von der Lehrperson vorschreiben zu lassen. Hier können auch vorgegebene Wörter/Texte aus dem Schreiblehrgang abgeschrieben und somit wiederholt werden. Außerdem können Kinder in einem Heft auch individuell arbeiten. Je nachdem welchen Fortschritt sie machen und wie genau sie arbeiten, entscheide ich, ob das Kind einen neuen Buchstaben erlernen darf oder ob es einen alten wiederholen und festigen soll. Nicht lesbare Buchstaben/Wörter werden neu geschrieben. Hier habe ich auch immer die Möglichkeit vorzuschreiben.

Unser Heftcover – Rahmen von Kate Hadfield; Grafik von mycutegraphics – erstellt im PowerPoint

Schreibschrift im W8 Formati Heft

Individuelles Arbeiten ist mir wichtig, denn jedes Kind braucht unterschiedlich viel Zeit. Bei der Schreibschrift geht für mich Qualität vor Quantität. Bis Ende der zweiten Klasse erlernen alle Kinder die Schreibschriftbuchstaben. Manche Kinder schreiben schon ab dem Halbjahr alles in Schreibschrift, andere wiederum haben das ganze Jahr Zeit, ihre Schrift zu optimieren.

Zum Organisatorischen: Die Blätter habe ich ein Mal kopiert und hebe sie in Klarsichtshüllen auf. Diese bewahre ich in einem Hängeordner, zu dem die Kinder immer Zugang haben bzw. zu dem auch ich immer greifen kann, wenn ich merke, dass ein Kind noch nicht ganz sicher bei einem Buchstaben ist.

Kinder arbeiten daher nach ihrem Tempo und gehen erst dann zum nächsten Buchstaben über, wenn sie von mir „grünes Licht“ bekommen – sprich, wenn die bisherigen Buchstaben ordentlich geschrieben werden. Die Schülerinnen und Schüler sind sehr motiviert, weil sie ja alle diese – auch für sie schöne – Schrift können wollen. Sie sind stolz darauf!

Schreibschrift für individuelles Arbeiten
Hängeordner mit Arbeitsblättern für individuelles Arbeiten

Hoffe, dass euch mein Beitrag zu eigenen Ideen inspiriert und es euch nutzt, wenn ihr auch mal andere Arbeitsweisen seht. Ich weiß, wie schnell man „betriebsblind“ wird, wenn man nicht die Möglichkeit hat bei Kolleginnen/Kollegen zu hospitieren. Daher freue ich mich immer wieder über Austausch mit euch über meinen Instagram-Account @schulinsel

Wünsche euch und euren Kindern einen schönen Frühlingsbeginn!
Bis bald! Eure schulinsel

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